Cannabis nach 60: Was Frauen in den späten Lebensphasen wissen sollten
Das Cannabis von heute ist nicht mehr das von 1975. Warum ältere Frauen besonders sensibel auf THC reagieren – und was das mit Hormonen und Nervensystem zu tun hat.
Von Catrin Boisson·6 Min. LesezeitIn den letzten Jahren beobachten Suchtmediziner und Geriaterinnen ein leises, aber deutliches Phänomen: Immer mehr Frauen jenseits der 60 greifen zu Cannabis – als Schlafhilfe, gegen Gelenkschmerzen, gegen die nervöse Unruhe, die sich nach den Wechseljahren manchmal hartnäckig hält. Eine aktuelle Einordnung von Stanford-Forschenden weist nun darauf hin, dass diese Generation mit einer Substanz experimentiert, die mit dem Cannabis ihrer Jugend kaum noch etwas gemeinsam hat.
Das ist keine moralische Debatte. Es ist eine physiologische.
Warum heutiges Cannabis ein anderes Molekül-Profil hat
In den 1970er Jahren lag der THC-Gehalt in getrocknetem Cannabis bei etwa zwei bis vier Prozent. Heute liegen Blüten häufig bei 18 bis 25 Prozent, Konzentrate erreichen 60 bis 90 Prozent. Eine Frau, die nach Jahrzehnten der Abstinenz wieder neugierig wird – vielleicht, weil ihre Tochter ihr von CBD-Tropfen erzählt hat, vielleicht aus Schlafverzweiflung – betritt einen pharmakologisch völlig neuen Raum.
Hinzu kommt: Der weibliche Körper verstoffwechselt THC anders als der männliche. Östrogen beeinflusst die Empfindlichkeit des Endocannabinoid-Systems, und in der Postmenopause verändert sich diese Empfindlichkeit erneut. Das bedeutet nicht, dass Cannabis "schlecht" ist – es bedeutet, dass die Dosis-Wirkungs-Kurve bei einer 68-jährigen Frau eine andere ist als bei einer 28-Jährigen.
"Was uns mit 30 entspannt hat, kann uns mit 65 destabilisieren. Das ist keine Schwäche – das ist Biologie."
Fünf Aspekte, die in der Beratung selten zur Sprache kommen
In meiner Arbeit mit Frauen in der späten Lebensmitte und darüber hinaus geht es oft um Schlaf, Schmerz, innere Unruhe – genau die Themen, für die Cannabis derzeit als sanfte Alternative beworben wird. Was dabei zu kurz kommt, sind die spezifischen Wechselwirkungen mit dem alternden weiblichen Nervensystem:
- ✦Kreislauf und Sturzrisiko. THC kann Blutdruck und Herzfrequenz beeinflussen. In Kombination mit Antihypertensiva oder bei ohnehin niedrigem Blutdruck am Morgen kann das zu Schwindel und Stürzen führen – die wiederum in dieser Lebensphase oft den Beginn einer Abwärtsspirale markieren.
- ✦Wechselwirkungen mit Medikamenten. Blutverdünner, Antidepressiva, Statine, Schlafmittel: Cannabis wird über dieselben Leberenzyme verstoffwechselt wie viele dieser Substanzen. Das Ergebnis sind unvorhersehbare Spiegel.
- ✦Kognitive Klarheit. Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiger THC-Konsum bei älteren Erwachsenen das Arbeitsgedächtnis stärker beeinträchtigen kann als bei Jüngeren – ausgerechnet in einer Phase, in der ohnehin viele Frauen den sogenannten Menobrain-Fog kennen.
- ✦Cortisol und Schlafarchitektur. Cannabis kann beim Einschlafen helfen, unterdrückt aber den REM-Schlaf. Das Nervensystem verarbeitet weniger – und meldet sich später, oft als diffuse Erschöpfung am Nachmittag, als Reizbarkeit, als das Gefühl, "neben sich" zu stehen.
- ✦Abhängigkeitspotenzial. Die Vorstellung, Cannabis sei "natürlich" und damit harmlos, hält sich hartnäckig. Tatsächlich entwickeln etwa neun Prozent der Konsumierenden eine Cannabisgebrauchsstörung – bei täglichem Konsum deutlich mehr.
Das Nervensystem in der zweiten Lebenshälfte
Was mich an dieser Forschung besonders interessiert, ist nicht die Substanz selbst, sondern das, was sie über den Zustand vieler Frauen verrät. Wenn ich in meinen Kursen mit Frauen über 60 arbeite, höre ich immer wieder dieselben Sätze: Ich schlafe nicht mehr durch. Ich bin innerlich so angespannt. Ich finde nicht mehr in die Ruhe.
Das ist die eigentliche Botschaft. Cannabis ist hier oft nicht die Ursache eines Problems, sondern der Versuch einer Selbstmedikation. Das Nervensystem einer Frau, die durch Wechseljahre, hormonelle Umstellungen, vielleicht pflegende Angehörigenarbeit und gesellschaftliche Unsichtbarkeit gegangen ist, befindet sich häufig in einem chronisch aktivierten Zustand. Der Sympathikus läuft auf Sparflamme, aber dauerhaft. Cortisol bleibt erhöht, besonders in den frühen Morgenstunden. Der Vagusnerv hat verlernt, tiefe Erholung zu signalisieren.
In solchen Zuständen wirkt jede Substanz, die kurzfristig dämpft, wie eine Erlösung. Und genau deshalb verdient diese Lebensphase mehr als eine schnelle Lösung.
Was wir stattdessen brauchen
Ich plädiere nicht gegen Cannabis. Bei manchen chronischen Erkrankungen, bei bestimmten Schmerzbildern, in palliativen Kontexten hat es seinen Platz – und Frauen sollten Zugang zu fundierter, nicht moralisierender Information haben. Was mir wichtiger erscheint, ist die Frage dahinter: Was sucht mein Nervensystem gerade?
In meiner Praxis sehe ich, wie viel sich verändert, wenn Frauen in dieser Lebensphase systematisch wieder Zugang zu ihrem Parasympathikus finden. Lange Ausatmungen. Wärme. Vorbeugen, die nicht leistungsorientiert sind. Yoga Nidra. Restorative Sequenzen, in denen der Körper endlich loslassen darf. Das sind keine spektakulären Werkzeuge – aber sie arbeiten an der Wurzel, nicht am Symptom.
Auch das hormonelle Bild verdient Aufmerksamkeit. Eine kompetente gynäkologische Abklärung, gegebenenfalls eine bioidentische Hormontherapie, eine ehrliche Bestandsaufnahme von Schilddrüse, Eisen, Vitamin D, B12 – all das ist weniger glamourös als ein THC-Öl aus dem Reformhaus, aber meist deutlich wirksamer gegen genau die Symptome, die Frauen zu Cannabis greifen lassen.
Was bleibt
Die Stanford-Forschenden weisen auf etwas hin, das wir in Europa noch zu wenig diskutieren: Eine Generation von Frauen, die mit den Freiheiten der 1970er Jahre groß geworden ist, trifft heute auf eine Substanz, die ihren Namen mit dem von damals teilt – aber kaum noch etwas anderes.
Wenn du selbst experimentierst oder darüber nachdenkst, ist das keine Schuldfrage. Es ist eine Einladung, genauer hinzusehen. Sprich mit deiner Ärztin über Wechselwirkungen. Frage dich, was du eigentlich suchst – Schlaf, Ruhe, Schmerzfreiheit, ein Gefühl von Weichhe