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Stillen in Deutschland: Warum Frauen früher aufhören, als sie eigentlich möchten

Die meisten Mütter wollen länger stillen, als sie es am Ende tun. Über eine Lücke zwischen Wunsch und Realität – und was wirklich dahintersteckt.

Von Catrin Boisson·6 Min. Lesezeit
Foto: Unsplash · Symbolbild

Sechs Monate ausschließlich Muttermilch. So lautet die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, der Nationalen Stillkommission und nahezu aller Fachgesellschaften. In Deutschland erreicht diese Marke nicht einmal jede zweite Mutter. Und das, obwohl die große Mehrheit der Frauen sich zu Beginn der Schwangerschaft genau das vornimmt: ihrem Kind diese ersten Monate ausschließlich an der Brust zu schenken.

Diese Lücke zwischen dem, was Frauen wollen, und dem, was am Ende geschieht, beschäftigt mich seit Jahren. In meiner Arbeit mit werdenden und frisch gewordenen Müttern höre ich denselben Satz in vielen Varianten: "Ich hatte mir das anders vorgestellt." Und fast immer schwingt darin eine leise Enttäuschung mit, manchmal auch Scham. Beides ist unbegründet – und sagt mehr über unsere Strukturen als über die Frauen selbst.

Der Mythos vom natürlichen Selbstläufer

Stillen wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft wie ein biologischer Automatismus behandelt. Brust ran, Baby trinkt, fertig. Wer Schwierigkeiten hat, fühlt sich schnell als Ausnahme. Tatsächlich ist Stillen ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Hormonen, Anatomie, Saugverhalten des Kindes, mütterlicher Erholung und – das wird gern unterschätzt – einem unterstützenden Umfeld.

Prolaktin und Oxytocin, die zentralen Stillhormone, reagieren empfindlich auf Stress, Schlafmangel und das Gefühl, beobachtet oder bewertet zu werden. Eine Mutter, die im Krankenhausalltag zwischen Visiten, Besuchen und unsicheren Ratschlägen hin- und hergerissen wird, hat es schwerer, in den ruhigen, parasympathischen Zustand zu finden, in dem Milchbildung am besten funktioniert.

"Stillen ist keine Leistung, die man optimieren kann. Es ist ein hormoneller Dialog – und der braucht Ruhe, Vertrauen und Menschen, die wissen, was sie tun."

Was Frauen in den ersten Wochen wirklich fehlt

Die Forschung ist hier erstaunlich eindeutig: Der wichtigste Faktor für eine gelingende Stillzeit ist nicht der Wille der Mutter, sondern die qualifizierte Begleitung in den ersten zehn bis vierzehn Tagen. Genau hier zeigt sich das deutsche Problem.

In den Kliniken sind Hebammen und Stillberaterinnen oft chronisch überlastet. Die Verweildauer nach der Geburt ist kurz. Zuhause wartet dann nicht selten eine Versorgungslücke: Die Nachsorgehebamme kommt vielleicht zweimal in der Woche, eine zertifizierte Still- und Laktationsberaterin (IBCLC) muss meist privat gesucht und teils selbst bezahlt werden.

In meiner Praxis sehe ich immer wieder dasselbe Muster:

Jeder dieser Punkte ist lösbar. Aber nur, wenn jemand da ist, der zuhört, anschaut, anlegt – und nicht nach fünfzehn Minuten weiter muss.

Die Rolle von Rückkehr in den Alltag

Ein zweiter, oft unterschätzter Faktor: die strukturelle Realität von Müttern in Deutschland. Auch wenn das Elterngeld einen Schutzraum bildet, beginnt für viele Frauen früh wieder das Funktionieren-Müssen. Termine, Haushalt, ältere Geschwisterkinder, finanzielle Sorgen, manchmal auch eine partnerschaftliche Erwartung, möglichst schnell wieder "die Alte" zu sein.

Stillen passt schlecht in einen durchgetakteten Alltag. Es verlangt das Gegenteil: Hingabe an einen kindlichen Rhythmus, der sich nicht planen lässt. Wenn Frauen zwischen gesellschaftlichem Tempo und körperlicher Erschöpfung aufgerieben werden, ist das frühe Abstillen oft keine Entscheidung gegen das Stillen – sondern eine gegen den eigenen Zusammenbruch.

Hinzu kommt das öffentliche Stillen, das in Deutschland kulturell deutlich verkrampfter behandelt wird als etwa in Skandinavien oder Frankreich. Wer schon einmal in einem deutschen Café mit Kleinkind und schreiendem Baby gesessen hat und überlegt hat, ob es jetzt passt zu stillen, kennt diesen Mikrostress.

Was die Daten zeigen – und was sie nicht zeigen

Aktuelle Erhebungen, unter anderem die SuSe-II-Studie, zeigen: Rund 80 Prozent der Frauen beginnen mit dem Stillen. Nach vier Monaten stillt noch etwa die Hälfte ausschließlich. Nach sechs Monaten ist der Anteil deutlich darunter. Im internationalen Vergleich ist Deutschland damit kein Spitzenreiter, aber auch kein Schlusslicht – sondern ein Land, das sein eigenes Potenzial nicht nutzt.

Was die Statistik nicht zeigt: das emotionale Gewicht hinter jedem dieser Verläufe. Frauen, die nach drei Wochen abstillen, tun das selten leichtfertig. Sie tun es nach Tränen, durchwachten Nächten, Schmerzen, Selbstzweifeln. Die Frage ist nicht, warum sie aufhören. Die Frage ist, warum wir als Gesellschaft sie nicht besser tragen.

Was sich ändern müsste

Es braucht keine weiteren Kampagnen, die Mütter zum Stillen ermahnen. Es braucht:

In meinen Maternity-Kursen arbeite ich viel mit der Vorbereitung auf genau diese Phase. Nicht mit Stilltechnik – das ist Aufgabe der Hebammen – sondern mit dem Nervensystem, mit Atemräumen, mit der Fähigkeit, sich selbst in der Erschöpfung wahrzunehmen. Frauen, die ihren Körper schon in der Schwangerschaft regulieren gelernt haben, kommen oft anders ins Wochenbett. Nicht stressfreier, aber sortierter.

Was bleibt

Die Frage "Warum stillen Frauen in Deutschland nicht länger?" ist eigentlich falsch gestellt. Die ehrlichere Frage lautet: Warum machen wir es ihnen so schwer, ihrem eigenen Wunsch zu folgen?

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